Bürgerbeteiligung Stadtwerke: Was das Wasserwerk aus Pirmasens zeigt

19.10.26, 09:00

Bürgerbeteiligung bei Stadtwerken ist auch in der Trinkwasserversorgung angekommen: Die Stadtwerke Pirmasens wollen bis zu sechs Millionen Euro der rund 17 Millionen Euro für ihr neues Wasserwerk in Rodalben bei Bürger:innen einsammeln. Seit dem 30. September 2026 lassen sich dafür Genussrechte mit 4,5 bis 5 Prozent Zins zeichnen. Für Umsorger ist das Modell aus zwei Gründen interessant: Es schließt einen Teil der Finanzierungslücke und schafft Nähe zu den Menschen vor Ort, sofern die Risiken offen erklärt werden.

Gemeint sind Angebote, bei denen sich Bürger:innen finanziell an Projekten ihres Versorgers beteiligen, etwa über Genussrechte, Nachrangdarlehen oder Crowdfunding. Anders als bei einem Sparbuch tragen die Anleger:innen dabei ein unternehmerisches Risiko. Im Gegenzug erhalten sie meist einen vereinbarten Zins, dessen Zahlung an Bedingungen geknüpft sein kann, und einen direkten Bezug zur Infrastruktur vor ihrer Haustür.

 

Was die Stadtwerke Pirmasens in Rodalben bauen

Das neue Wasserwerk soll jährlich rund 2,5 Millionen Kubikmeter Trinkwasser für die Stadt Pirmasens und die Verbandsgemeinde Thaleischweiler-Wallhalben fördern und aufbereiten. Für die Verbandsgemeinden Pirmasens-Land und Rodalben sichert es die Notversorgung. Der Spatenstich war Anfang September 2026.

Ein zentraler Grund für den Neubau liegt im Gelände: Der bisherige Standort wurde 2014 und 2024 bei Starkregen überflutet. Das neue Werk entsteht an einem hochwassersicheren Standort oberhalb der sogenannten HQextrem-Linie. Hinzu kommen neue gesetzliche Vorgaben, technische Entwicklungen und eine sanierungsbedürftige alte Aufbereitung. Bei der Übergabe der Förderbescheide nannte das Umweltministerium Rheinland-Pfalz Zuschüsse von rund zwei Millionen Euro und Darlehen von rund 1,6 Millionen Euro.

 

So funktioniert die Bürgerbeteiligung beim Wasserwerk

Das Angebot heißt „SWPS Wasser-Invest 1.0“ und besteht aus Genussrechten der Stadtwerke Pirmasens Versorgungs-GmbH. Anleger:innen können zwischen 1.000 und 25.000 Euro in Schritten von 500 Euro zeichnen. Der Zins ist bis Ende 2032 festgeschrieben und wird jährlich gezahlt. Kündigen lässt sich die Anlage erstmals zum 31. Dezember 2032, mit einer Frist von zwölf Monaten. Gezeichnet wird über eine Plattform des Dienstleisters Dallmayer Consulting.

Interessant ist die Staffelung: Die Basis-Variante bringt 4,5 Prozent, die Plus-Variante 5 Prozent. Den höheren Zins erhalten Kund:innen, die Strom, Gas oder Wärme von den Stadtwerken beziehen. Zeichnen können nicht nur Menschen aus der Region, sondern Anleger:innen bundesweit. Erfahrung mit dem Instrument haben die Stadtwerke bereits: Bei zwei Bürgerbeteiligungen für Solarprojekte sammelten sie laut ZfK zusammen 750.000 Euro ein.

Geschäftsführer Christoph Dörr beschreibt die Perspektive der Anleger:innen so: „Geld anlegen ist immer Vertrauenssache. Natürlich müssen auch die Zinsen stimmen, aber vor allem möchte ich sicher sein, dass ich dem Anbieter vertrauen kann.“

 

Warum Bürgerbeteiligung für Stadtwerke strategisch wichtiger wird

Hinter dem Pirmasenser Modell steht ein strukturelles Problem. Laut einem Gutachten von Becker Büttner Held im Auftrag des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) muss die kommunale Wasserwirtschaft in Deutschland bis 2045 rund 800 Milliarden Euro investieren. Dafür müssten die Investitionen auf durchschnittlich 40 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Bereits heute investiert die Branche rund zehn Milliarden Euro jährlich (Stand: März 2025).

Auch über die Wasserwirtschaft hinaus wächst der Druck. In der Stadtwerkestudie 2026 von BDEW und EY erwarten 92 Prozent der befragten Stadtwerke, dass ihre Investitionen zusätzlich durch externe Finanzierungsinstrumente unterstützt werden müssen (Stand: Juni 2026). Bürgerbeteiligungen, etwa über Crowdfunding oder Genussrechte, nennt die Studie als einen der Ansätze, die Stadtwerke bereits heute nutzen. Wie sehr Regulierung und Investitionsbedarf Stadtwerke schon zuvor beschäftigt haben, zeigt auch unser Beitrag zur Stadtwerkestudie 2025.

Laut ZfK entwickeln sich Bürgerbeteiligungen zu einem zentralen Baustein in der Finanzierungsstrategie der Branche. Früher dienten sie vor allem der Akzeptanz von Wind- und Solaranlagen, heute fließt das Geld auch in Strom- und Wärmenetze, Speicher und Mobilitätsprojekte (Stand: August 2026). Dass das Modell in der Wasserversorgung funktioniert, zeigen die Stadtwerke Itzehoe: Für den Neubau ihres Wasserwerks Twietberge haben sie über Genussrechte ihr Ziel von fünf Millionen Euro erreicht und die Zeichnung danach geschlossen. Laut ZfK beteiligten sich mehr als 200 Bürger:innen und Unternehmen an dem rund 19 Millionen Euro teuren Projekt.

 

Mehr als Finanzierung: Was Bürgerkapital für die Kundenbindung leistet

Der Plus-Zins für Energiekund:innen ist mehr als ein Detail. Anders als bei Strom und Gas können Haushalte ihren Wasserversorger nicht frei wählen. Wer den höheren Zins an einen Energievertrag knüpft, macht das Vertrauen in die Wasserversorgung zum Argument dort, wo Stadtwerke im Wettbewerb stehen.

Dazu kommt die Sichtbarkeit. Beim 4. Wasserkongress Berlin-Brandenburg-Sachsen am 1. Juli 2026 in Dresden beschrieb Britta Ammermüller vom Bundesumweltministerium ein Grundproblem der Branche: Wassernetze liegen „gut geschützt unter der Straße und funktionieren reibungslos – das erzeugt ein Aufmerksamkeitsproblem“. Eine Bürgerbeteiligung macht diese Infrastruktur greifbar. Wer Geld in ein Wasserwerk gibt, verfolgt dessen Bau mit anderem Interesse.

Bindung entsteht so lange vor einer möglichen Kündigung. Warum gerade dieser Zeitpunkt entscheidet, lesen Sie in unserem Beitrag zur Kundenbindung bei Stadtwerken.

 

Einordnung: Wo die Grenzen des Modells liegen

Genussrechte sind kein Sparprodukt. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zählt Vermögensanlagen wie Genussrechte und Nachrangdarlehen zum Grauen Kapitalmarkt und warnt vor einem oft erheblichen Risiko bis hin zum Totalverlust. Anders als bei Bankguthaben greift keine gesetzliche Einlagensicherung.

Auch beim Pirmasenser Angebot werden Zinsen laut den Bedingungen nur gezahlt, wenn sie erwirtschaftet wurden und die Stadtwerke zum Zahlungszeitpunkt über ausreichend Liquidität verfügen. Die Stadtwerke weisen selbst darauf hin, dass der Erwerb zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen kann.

Für Umsorger heißt das: Bürgerkapital ergänzt Fördermittel, Kredite und Eigenmittel, ersetzt sie aber nicht. In Pirmasens soll es rund ein Drittel der Baukosten decken. Zugleich entsteht ein neues Risiko für die Kundenbeziehung. Fällt ein Zins aus, trifft das genau die Menschen, deren Vertrauen das Modell stärken soll. Hinzu kommt der Aufwand über viele Jahre: Grundsätzlich brauchen Anbieter einen Prospekt und ein Vermögensanlagen-Informationsblatt, sofern keine Ausnahme greift, dazu Plattform, Beratung und laufende Anlegerkommunikation.

 

Fazit: Bürgerbeteiligung bei Stadtwerken braucht Vertrauen und Transparenz

Bürgerbeteiligung bei Stadtwerken löst den Investitionsstau nicht allein, ist aber ein Baustein mit doppeltem Nutzen. Pirmasens zeigt, wie sich Finanzierung, regionale Verankerung und Kundenbindung in einem Angebot verbinden lassen. Ob das Modell trägt, entscheidet sich weniger am Zinssatz als an der Kommunikation: Wer Bürger:innen zu Geldgeber:innen macht, muss Risiken genauso klar erklären wie den Nutzen für die Region.

 

FAQ zu Bürgerbeteiligung bei Stadtwerken

Was ist eine Bürgerbeteiligung bei Stadtwerken?

Bürger:innen stellen ihrem Versorger Kapital für ein konkretes Projekt zur Verfügung, etwa über Genussrechte oder Nachrangdarlehen. Dafür erhalten sie meist einen vereinbarten Zins, tragen aber ein unternehmerisches Risiko.

Wie viel Zins bietet das SWPS Wasser-Invest der Stadtwerke Pirmasens?

4,5 Prozent pro Jahr in der Basis-Variante und 5 Prozent für Kund:innen mit Strom-, Gas- oder Wärmevertrag der Stadtwerke. Der Zinssatz ist bis Ende 2032 festgeschrieben.

Welche Risiken haben Genussrechte?

Die BaFin warnt bei solchen Vermögensanlagen vor einem Risiko bis hin zum Totalverlust, eine gesetzliche Einlagensicherung gibt es nicht. Beim Pirmasenser Angebot fließen Zinsen nur, wenn sie erwirtschaftet wurden und genug Liquidität vorhanden ist. Kündigen lässt es sich erstmals zum Ende 2032 mit zwölf Monaten Frist.

Für welche Projekte eignet sich Bürgerkapital?

Für konkrete, lokal sichtbare Vorhaben mit langfristig planbaren Erlösen, etwa Wasserwerke, Wärmenetze, Speicher oder Ladeinfrastruktur. Es ergänzt Fördermittel und Kredite, ersetzt sie aber nicht.

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Quellen

  • ZfK – „Stadtwerke Pirmasens wollen Bürger an Finanzierung für Wasserwerk beteiligen“, 30. September 2026
  • Stadtwerke Pirmasens – Bürgerbeteiligung SWPS Wasser-Invest
  • Wochenblatt Reporter – „17 Millionen Euro für sicheres Trinkwasser: Wasserwerk Rodalben wird neu gebaut“, 3. September 2026
  • GFA News – „17 Millionen Euro für neues Wasserwerk in Pirmasens“, 9. September 2026
  • Wochenblatt Reporter – „Finanzierung per Bürgerbeteiligung“, 5. Oktober 2026
  • diebewertung.de – „Stadtwerke Pirmasens: Bis zu 5 Prozent für ein Genussrecht – Anleger müssen trotzdem mit einem Totalverlust rechnen“, 3. Oktober 2026
  • Stadtwerke Itzehoe – Bürgerbeteiligung Wasserwerk Twietberge
  • VKU – „Experten-Gutachten: Dreistellige Milliardeninvestitionen für sichere Wasser- und Abwasserinfrastruktur bis 2045 notwendig“, 10. März 2025
  • BDEW – „Langfristige Planungssicherheit und innovative Finanzierungslösungen entscheidend“ (Stadtwerkestudie 2026), 9. Juni 2026
  • ZfK – „Bürgerbeteiligungen werden für Stadtwerke strategisch immer wichtiger“, 28. August 2026
  • ZfK – „Wassernetze: Investitionsstau unter der Straße“, 2. Juli 2026
  • IHK Cottbus – „Wasser als Standortfaktor sichern: Investitionen, schnellere Verfahren und länderübergreifende Lösungen benötigt“, 1. Juli 2026
  • BaFin – Grauer Kapitalmarkt

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