Fernkälte in der kommunalen Wärmeplanung: München zeigt, wie’s geht
Kommunale Wärmeplanung beantwortet bisher vor allem, wie Gebäude künftig klimafreundlich beheizt werden. Der wachsende Kühlbedarf spielt kaum eine Rolle. München zeigt, warum sich das ändern sollte: Fernkälte kann in dicht bebauten Stadtgebieten zur kommunalen Infrastrukturaufgabe werden. Das Modell eignet sich nicht für jede Stadt, verdient aber dort eine Prüfung, wo hohe Kältebedarfe, geeignete Energiequellen und verlässliche Großabnehmer zusammenkommen.
München macht Kühlung zur Infrastruktur
Die Stadtwerke München betreiben seit 2011 ein Fernkältenetz, das inzwischen rund 24 Kilometer umfasst – nach aktuellem ZDF-Bericht das größte Fernkältenetz Deutschlands. Es versorgt unter anderem Kaufhäuser, Hotels, Bürogebäude und Rechenzentren in der Innenstadt. Zur Kälteerzeugung nutzt München das vier bis zehn Grad kalte Wasser eines unterirdischen Stadtbachs. Ein getrenntes Kaltwassersystem transportiert die Kälte zu den Gebäuden. Eisspeicher unterstützen an besonders heißen Tagen.
Das Prinzip ähnelt der Fernwärme: Kaltes Wasser wird zentral erzeugt, über Leitungen zu den Abnehmer:innen transportiert, nimmt dort Wärme aus den Gebäuden auf und fließt erwärmt zurück. Kältemittel und Rückkühlwerke bleiben in der Energiezentrale, angeschlossene Immobilien benötigen weniger eigene Technik auf dem Dach oder im Keller. Im Stadtquartier Fünf Höfe bestätigt: Durch den Fernkälte-Anschluss entfallen eigene Rückkühlwerke, Platzbedarf und Kältemittel im Gebäude.
Laut ZDF verbraucht das Münchner System rund zwei Drittel weniger Strom als konventionelle dezentrale Klimaanlagen. Hinzu kommen geringerer Flächen- und Wasserbedarf sowie weniger Wartungs- und Reparaturaufwand – Betrieb und Instandhaltung der zentralen Infrastruktur übernehmen die Stadtwerke.
München baut das System weiter aus: Am Energiestandort Süd entsteht eine Kälteleistung von bis zu 36 Megawatt, was nach Stadtwerke-Angaben dem Bedarf von rund 100 Bürogebäuden entspricht; im Norden ist eine weitere Versorgung für Unternehmen und Rechenzentren vorgesehen. Im europäischen Vergleich zählt München damit neben Wien, Paris und Stockholm zu den Vorreitern bei der Fernkälte.
Entscheidend ist damit weniger die Technik als die strategische Einordnung: München behandelt Kühlung als Teil der langfristigen Stadt- und Infrastrukturentwicklung – inzwischen offenbar auch politisch. Oberbürgermeister Dominik Krause verweist gegenüber dem ZDF darauf, dass die Stadt angesichts steigender Sommerhitze mittlerweile neben der Wärmeplanung eine eigene Kälteplanung aufsetzt.
Warum Fernkälte in die kommunale Wärmeplanung gehört
Das Wärmeplanungsgesetz verpflichtet die Länder, Wärmepläne für ihre Kommunen sicherzustellen. Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohner:innen mussten ihre Pläne grundsätzlich bis Ende Juni 2026 vorlegen – diese Frist liegt inzwischen hinter uns. Der gesetzliche Rahmen konzentriert sich auf Wärmeversorgung und Dekarbonisierung der Wärmenetze. Eine eigenständige kommunale Kälteplanung ist nicht vorgeschrieben. München ist damit bislang die Ausnahme, nicht die Regel.
Diese Trennung wird zunehmend problematisch: Viele im Winter beheizte Gebäude benötigen im Sommer Kühlung, Rechenzentren, Krankenhäuser, Hotels und Einkaufszentren haben teilweise ganzjährig hohen Kältebedarf. Wird dieser erst bei der Anschaffung neuer Klimaanlagen betrachtet, entstehen zusätzliche Stromspitzen, Rückkühlwerke und Abwärme in bereits aufgeheizten Stadtgebieten.
Eine kommunale Wärme- und Kälteplanung sollte daher früh untersuchen:
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In welchen Quartieren entstehen hohe und langfristig stabile Kältebedarfe?
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Welche Großverbraucher:innen eignen sich als erste Anschlusskund:innen?
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Wo stehen Grundwasser, Flusswasser, Abwasser oder freie Kühlung zur Verfügung?
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Wo lassen sich Wärme- und Kältesysteme energetisch verbinden?
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Welche Bau- und Sanierungsprojekte bieten ein geeignetes Zeitfenster für neue Leitungen?
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Der offizielle Handlungsleitfaden zur Wärmeplanung erfasst bei Gewerbe- und Industriestandorten bereits Kältekompressoren, Kühltürme und zentrale Kälteanlagen – eine systematische kommunale Kältebedarfsplanung entsteht daraus bisher jedoch nicht.
Wo sich ein Fernkältenetz wirtschaftlich tragen kann
Fernkälte lohnt sich vor allem, wo viele größere Abnehmer:innen nah beieinanderliegen: Die hohen Kosten für Kältezentralen, Leitungen, Tiefbau und Gebäudeanschlüsse machen lange Trassen mit kleiner Anschlussleistung unwirtschaftlich. Der Münchner Ausbau konzentriert sich deshalb auf dicht bebaute Gebiete mit Hotels, Handel, Büros und Rechenzentren.
Wärme und Kälte sollten gemeinsam gedacht werden
Besonders interessant werden Systeme, wenn die bei der Kühlung anfallende Wärme genutzt werden kann. In München beheizt die Abwärme eines gekühlten Rechenzentrums bereits ein Schwimmbad und Betriebswohnungen. Berlin nutzt an der Kältezentrale Potsdamer Platz eine Großwärmepumpe, um Abwärme aus der Kälteversorgung in das Wärmesystem einzubinden. Prof. Dirk Müller vom E.ON Energy Research Center der RWTH Aachen empfiehlt Kommunen kombinierte Wärme-Kälte-Netze: Gerade in dicht bebauten Quartieren mit hohen erwarteten Temperaturen lohne sich diese Kopplung besonders, so Müller gegenüber dem ZDF.
Fraunhofer UMSICHT verweist außerdem darauf, dass Kälteanlagen und Kältespeicher flexibel betrieben werden können: Sie nehmen Strom zu geeigneten Zeiten auf und tragen so zum Energieausgleich bei. Für Stadtwerke entsteht dadurch eine Verbindung zwischen Kälteversorgung, Strombeschaffung und Flexibilitätsmanagement.
Berlin zeigt: Fernkälte funktioniert auch ohne Münchner Stadtbach
Am Potsdamer Platz besteht seit 1997 ein Kältenetz, das mittlerweile 14 Kilometer Leitungslänge und 45 Megawatt Kälteleistung umfasst. Die BEW versorgt dort rund 12.000 Büros, etwa 1.000 Wohnungen sowie Hotels und Kultureinrichtungen. Das Wasser wird zentral auf ungefähr sechs Grad gekühlt und über ein unterirdisches Netz verteilt.
Das Beispiel zeigt, dass Fernkälte nicht von einer natürlichen Kältequelle wie dem Münchner Stadtbach abhängt, und zeigt die realistische Größenordnung: Der Einstieg erfolgt meist in einem klar abgegrenzten Quartier mit hoher Bebauungsdichte und großen Immobilien. Ein sofortiger Ausbau über das gesamte Stadtgebiet ist wesentlich schwerer zu realisieren.
Könnte Fernkälte auch in anderen Städten wie Köln funktionieren?
Auch andere Großstädte haben Quartiere, in denen sich Fernkälte prüfen ließe. Köln ist ein gutes Beispiel: Innenstadt, Deutz mit Messe- und Bürostandorten, größere Klinikbereiche sowie Gewerbegebiete mit Prozesskälte oder Rechenzentren bieten geeignete Voraussetzungen.
Mit der RheinEnergie besitzt Köln zudem einen kommunalen Versorger mit Erfahrung in Wärmenetzen, Tiefbau und innerstädtischer Infrastruktur. Das bestehende Wärmenetz umfasst nach Unternehmensangaben rund 380 Kilometer, weitere 200 Kilometer sind vorgesehen.
Wärme- und Kältenetze sind technisch eigenständige Systeme, doch Kenntnisse über Netzplanung, Bauabläufe und langfristige Kundenbeziehungen lassen sich für mögliche Kälteprojekte nutzen.
Auch operative Kompetenz ist vorhanden: In Köln-Marsdorf hat RheinEnergie 2026 gemeinsam mit Toyota eine zentrale Anlage für Strom, Wärme und Kälte in Betrieb genommen. Das Projekt ist kein öffentliches Fernkältenetz, zeigt aber, dass zentrale Kälteerzeugung und gekoppelte Versorgung bereits zum Leistungsspektrum gehören.
Warum Städte wie Köln bisher kaum über Fernkälte sprechen
Der entscheidende Engpass liegt häufig in der kommunalen Planung: In den öffentlich zugänglichen Unterlagen zur Kölner Wärmeplanung ist bislang kein stadtweites Fernkältekonzept erkennbar. Im Mittelpunkt stehen klimaneutrale Wärmeversorgung, Gebäudeeffizienz, Wärmepumpen und der Ausbau der Wärmenetze. Der künftige Kühlbedarf wird bisher nicht in vergleichbarer Tiefe untersucht.
Die kommunale Wärmeplanung schafft zwar eine umfangreiche Datengrundlage für Gebäude, Energiebedarfe und Netze – eine systematische Erfassung von Kältebedarfen, geeigneten Großabnehmer:innen und möglichen Kältequellen gehört bislang jedoch selten zum Standard.
Hinzu kommt, dass sich das Münchner Modell nicht einfach übertragen lässt: Köln und andere Städte müssten für einzelne Quartiere prüfen, ob sich Grundwasser, Flusswasser, Abwasser, industrielle Prozesse oder elektrisch erzeugte Kälte mit Speichern nutzen lassen. Dabei spielen auch Wasserrecht, Gewässerschutz und die lokale Netzsituation eine Rolle.
Die technische Machbarkeit ist damit meist nicht das erste Hindernis. Vielen Städten fehlt zunächst eine Kältebedarfs- und Potenzialplanung, eng verbunden mit der kommunalen Wärmeplanung. Solange diese Grundlage fehlt, bleibt Fernkälte ein Einzelprojekt statt einer strategischen Infrastrukturaufgabe.
Was Stadtwerke jetzt strategisch prüfen sollten
Für Stadtwerke folgt aus dem Münchner Beispiel kein Auftrag zum sofortigen Netzausbau. Es folgt ein Auftrag zur Datenerhebung.
Der sinnvolle Einstieg ist eine Kältekarte: Sie verbindet Gebäudenutzung, vorhandene Kälteanlagen, Leistungsbedarf, Sanierungszyklen und mögliche Energiequellen. Anschließend lassen sich wenige geeignete Quartiere auswählen und gemeinsam mit potenziellen Ankerkund:innen vertieft untersuchen.
Geschäftsführung und Strategie sollten Fernkälte als langfristiges Infrastrukturgeschäft bewerten: hohe Investitionen, aber Vertragsbeziehungen über Jahrzehnte, dazu Chancen für Contracting, Abwärmenutzung, Speicherbetrieb und kombinierte Quartiersversorgung.
Marketing und Kommunikation sollten früh beteiligt werden, denn Fernkälte ist erklärungsbedürftig: Anwohner:innen, Gebäudeeigentümer:innen und Politik müssen verstehen, wo ein Netz sinnvoll ist, wer angeschlossen werden kann und welche Bauarbeiten entstehen – zu große Versprechen wären dabei ebenso problematisch wie eine rein technische Darstellung.
„Fernkälte scheitert selten an der Technik, sondern an der Kommunikation. Wer früh erklärt, warum ein Netz sinnvoll ist, statt erst zu bauen und dann zu rechtfertigen, verschafft sich einen echten Vorsprung – bei Anwohner:innen genauso wie in der Politik.“
Stefan Schmitz
Branchenexperte und Geschäftsleitung VANCADO
Fazit: Wärmeplanung braucht einen Sommermodus
Fernkälte wird die dezentrale Klimaanlage nicht überall ersetzen, kann aber in verdichteten Stadtgebieten Stromverbrauch, Gebäudetechnik und lokale Abwärme reduzieren. München zeigt, wie aus einem einzelnen Versorgungsprodukt eine strategische Infrastruktur wird.
Genau das ist der Sommermodus, der der kommunalen Wärmeplanung bisher fehlt: eine Kälteplanung, die von Anfang an mitläuft, statt erst zu entstehen, wenn die nächste Hitzewelle viele neue Einzelanlagen auslöst. Stadtwerke sollten den Kühlbedarf deshalb heute erfassen. Wer erst dann plant, hat einen wichtigen Teil der kommunalen Energieinfrastruktur bereits anderen überlassen.
FAQ
Fernkälte ist eine leitungsgebundene Kälteversorgung. Zentral gekühltes Wasser wird über ein Rohrnetz zu Gebäuden transportiert, nimmt dort Wärme auf und fließt anschließend zur Kältezentrale zurück.
Das Wärmeplanungsgesetz schreibt keine eigenständige Kälteplanung vor. Kommunen können und sollten den Kühlbedarf dennoch ergänzend untersuchen, besonders in dicht bebauten Gebieten mit großen gewerblichen Abnehmern.
Das hängt von Erzeugung, Netz und Auslastung ab. Das Münchner Fernkältesystem benötigt nach Angaben im aktuellen Praxisbericht rund zwei Drittel weniger Strom als konventionelle dezentrale Klimaanlagen. (ZDFheute)
Besonders geeignet sind Bürogebäude, Hotels, Kliniken, Rechenzentren, Einkaufszentren, Kulturimmobilien und größere öffentliche Gebäude. Entscheidend sind ein hoher Kältebedarf und eine geringe Entfernung zum Netz.
Ja, vor allem als Quartierslösung in dicht bebauten Gebieten. Vor einem Ausbau benötigt Köln jedoch eine räumliche Kältebedarfsanalyse, geeignete Ankerkunden, eine Prüfung lokaler Kältequellen und ein belastbares Geschäftsmodell.
Ja. Die BEW betreibt am Potsdamer Platz ein Kältenetz für Büros, Wohnungen, Hotels und Kultureinrichtungen. Die Anlage wird inzwischen auch mit einer Großwärmepumpe zur Nutzung der anfallenden Wärme gekoppelt. (BEW)
Quellen
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ZDFheute: „Fernkälte: Wie München seine Innenstadt kühlt“, veröffentlicht am 16. Juli 2026.
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Stadtwerke München: Informationen zum Fernkältenetz und zur neuen Kältezentrale.
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Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen: Wärmeplanungsgesetz, FAQ und Handlungsleitfaden.
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BEW Berliner Energie und Wärme: Quartierkälte und Wärmerückgewinnung am Potsdamer Platz.
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Stadt Köln: Kommunale Wärmeplanung 2026.
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Stadtwerke Köln und RheinEnergie: Kältezentrale Marsdorf und Ausbau der Kölner Wärmeinfrastruktur.
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Fraunhofer UMSICHT: Flexibilisierung von Kälteversorgungssystemen.
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AGFW: Wirtschaftlichkeitsbewertung von Wärme- und Kältenetzen.
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