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Kundenbindung bei Stadtwerken: Marge statt Rabattreflex

Geschrieben von Marco Firll | 07.09.26, 07:00

Zwei aktuelle Fälle zeigen, wie eng Kundenbindung bei Stadtwerken inzwischen mit Wirtschaftlichkeit verbunden ist. In Ahrensburg haben Kundenverluste und sinkende Margen das Ergebnis deutlich belastet. In Germersheim zwingt der Verlust eines Großkunden zu einer spürbaren Erhöhung des Wasserpreises. Gleichzeitig wächst im Energiemarkt die Wechselbereitschaft. Die Konsequenz für Versorger ist klar: Kund:innenbindung darf erst recht nicht mit hektischen Rabatten nach einer Kündigung beginnen. 

 

Kundenbindung bei Stadtwerken ist eine Frage des Werts   

Die Stadtwerke Ahrensburg wiesen für 2025 ein Defizit von rund 985.000 Euro aus. Ein Jahr zuvor lag der Gewinn noch bei 5,2 Millionen Euro. Im Gasvertrieb ging das Ergebnis deutlich zurück, im Stromvertrieb entstand ein Verlust. Als Ursachen nennt der Lagebericht unter anderem höheren Wettbewerbsdruck, gestiegene Beschaffungskosten und eine stärkere Preissensibilität der Kund:innen. Um Kund:innen zu halten, wechselten diese teilweise in margenärmere Tarife.

 

Der Fall ist deshalb interessant, weil er einen verbreiteten Vertriebsreflex infrage stellt: Mehr Kund:innen bedeuten nicht automatisch mehr wirtschaftlichen Erfolg. Die Stadtwerke selbst wollen ihre Neukund:innenaktivitäten künftig stärker an der Werthaltigkeit der Beziehung und am nachhaltigen Ergebnisbeitrag ausrichten.

Das trifft einen Punkt, der angesichts des Investitionsdrucks wichtiger wird. Laut Stadtwerkestudie 2026 von BDEW und EY bewerten nur noch 47 Prozent der befragten Stadtwerke ihren aktuellen Geschäftserfolg als gut oder sehr gut. 92 Prozent sehen sich nur eingeschränkt oder gar nicht in der Lage, die notwendigen Investitionen vollständig aus eigenen Mitteln zu finanzieren.

Kund:innenbindung braucht deshalb eine wirtschaftliche Logik: Welche Beziehung trägt langfristig? Welche Maßnahme erhöht tatsächlich die Bleibewahrscheinlichkeit? Und welchen Preis darf Bindung haben?

 

Wer erst bei der Kündigung reagiert, reagiert zu spät

Hinzu kommt ein zweites Problem. Viele Versorger haben professionelle Prozesse für Neukund:innen und für die Rückgewinnung gekündigter Kund:innen. Die Zeit dazwischen wird häufig weniger systematisch bearbeitet. Das ist riskant. Nach Angaben der Bundesnetzagentur wechselten 2025 rund 6,7 Millionen Haushalte ihren Stromlieferanten. Schon 2024 hatte die Wechselquote einen Rekordwert erreicht. Kund:innen prüfen Preise und Vertragsbedingungen wieder deutlich aktiver.

Dabei entstehen Wechselabsichten häufig vor der eigentlichen Kündigung. Ein Servicekontakt nach einer Preisanpassung, eine Tarifabfrage im Portal oder die Frage nach einer Preisgarantie können Hinweise liefern. Werden solche Informationen aus Service, CRM, Abrechnung und Vertrieb sinnvoll zusammengeführt, lässt sich Bindung früher steuern.

Das bedeutet allerdings keinen pauschalen Rabatt für alle gefährdeten Kund:innen. Ein Tarifwechsel kann sinnvoll sein, ebenso eine Preisgarantie, ein Zusatzprodukt oder ein persönlicher Kontakt. Entscheidend ist das Verhältnis von Kund:innenwert, Wechselrisiko, Maßnahme und erwarteter Marge.

Gerade hier liegt eine Chance für Stadtwerke. Persönlicher Service und regionale Nähe besitzen einen Wert, wenn sie im richtigen Moment erlebbar werden.

 

Germersheim zeigt, was gute Preiskommunikation leisten kann

Bindung betrifft außerdem Märkte, in denen Kund:innen gar nicht ohne Weiteres wechseln können. Das zeigt die Wasserversorgung in Germersheim. Mit der angekündigten Schließung eines örtlichen Glaswerks verlieren die Stadtwerke ihren größten Strom- und Wasserabnehmer. Rund ein Viertel der bisherigen Wassermenge entfiel auf diesen Kunden. Da viele Kosten der Wasserinfrastruktur unabhängig von der verkauften Menge bestehen bleiben, müssen diese künftig auf eine deutlich geringere Absatzmenge verteilt werden.

Die Folge: Ab September 2026 steigt der Wasserpreis von 1,98 auf 2,35 Euro brutto je Kubikmeter, also um rund 19 Prozent. Auch die verbrauchsunabhängigen Gebühren steigen. Die Stadtwerke haben zugleich den geplanten Neubau des Wasserwerks zurückgestellt und setzen zunächst auf eine günstigere Teilsanierung. Ein neues Preisblatt ab September 2026 ist bereits auf der Website angekündigt.

Bemerkenswert ist die kommunikative Reaktion. Die wirtschaftlichen Gründe wurden früh erklärt: geringere Absatzmenge, unveränderte Infrastrukturkosten und steigende Aufwendungen für Betrieb und Instandhaltung. Auch die lokale Berichterstattung bewertete die Erhöhung anschließend als nachvollziehbar.

Das ist eine wichtige Erinnerung für Versorger: Preisakzeptanz entsteht nicht allein durch die Höhe eines Preises. Entscheidend ist auch, ob Kund:innen verstehen, wie er zustande kommt und welche Leistung damit finanziert wird.

 

Bindung beginnt vor dem Problem

Ahrensburg und Germersheim wirken auf den ersten Blick wie sehr unterschiedliche Fälle. Für Stadtwerke steckt in beiden dieselbe Aufgabe: Kund:innenbeziehungen müssen wirtschaftlich verstanden und kommunikativ gepflegt werden.

Wer erst reagiert, wenn die Marge weg ist, ein Großkunde ausfällt oder die Kündigung eingeht, hat nur noch begrenzten Spielraum. Vertriebssteuerung braucht deshalb frühzeitige Signale, klare Regeln für den Wert und eine Kommunikation, die Preisveränderungen verständlich macht.

Der Rabatt nach der Kündigung ist dafür das schwächste Instrument. Gute Kund:innenbindung beginnt deutlich früher.